Liliputbahn: Aus der Zeit gefahren?

Ein Artikel von Anja Hofbauer und Magdalena Eder

Seit über 90 Jahren schlängelt sich die Liliputbahn vorbei am Wurstelprater, entlang der Prater-Hauptallee bis hin zum Stadion. Sie ist mehr als nur eine alte Bahn: Sie ist eine Attraktion, die Generationen zusammenbringt. Doch kann die Dampflok in einer Zeit, die von Tempo und Action geprägt ist noch mithalten?

Schild im Prater mit roter Aufschrift "Liliputbahn"
Die Reise beginnt © Magdalena Eder

Die Liliputbahn wurde 1928 eröffnet, damals als eine der modernsten Parkbahnen Europas. Ursprünglich wurde sie gebaut, um die Besucher:innen der Wiener Messe zu transportieren. Zur Wiener Schubert-Ausstellung (anlässlich zum 100. Todestages des Kompoinsten Franz Schubert) im Jahr 1928 wurde die Liliputbahn als Attraktion eingeweiht. Durch die Ausstellung, die viele Besucher:innen anlockte, erlebte sie ihr erstes Hoch als Attraktion im Prater. Doch auf jede Steigung folgt auch eine Talfahrt – der Zweite Weltkrieg hinterließ eine schwierige Wirtschaftslage, die auch der kleinen Bahn stark zusetzte. Sie stand mehrmals vor dem Aus, bis sie in den 1950er-Jahren vom Textilhändler Jakob Passweg gekauft und wieder aufgerüstet wurde. Dank seines Engagements wurde sie schließlich zu einem festen Bestandteil des Praters.

Achtung Zeichen auf dem Boden mit der Unterschrift "Zutritt Verboten"
Blick hinter die Kulissen © Magdalena Eder

Endstation oder Volldampf voraus

Für die einen gehört die Liliputbahn fix zum Prater, für andere ist sie ein in die Jahre gekommenes Fahrgeschäft. Vergangenen April geriet die Liliputbahn in die Schlagzeilen, als sie durch einen Sabotageakt entgleiste. Die Suche nach den Schuldigen musste wegen mangelnden Beweisen eingestellt werden und somit bleibt auch das Motiv der Tat ungeklärt. Der Vorfall lenkte die Aufmerksamkeit auf die Frage, ob die Liliputbahn noch den heutigen Anforderungen gerecht wird. In Anbetracht der historischen Bedeutung der Bahn wird zunehmend diskutiert, dass sie vor allem von Tourist:innen genutzt wird und in der modernen Zeit weniger eine Rolle für die lokale Bevölkerung spielt. Zudem ist der Erhalt der alten Infrastruktur mit Kosten verbunden. Wer nicht mit dem Prater aufgewachsen ist, könne mit der Bahn nichts anfangen. Sie sei nur eine von vielen Attraktionen, meinen einige. Hat sie also noch eine Zukunft?

Wer würde denn Geld für so nen Bummelzug ausgeben, wenn man direkt daneben den Prater hat?
– jugendlicher Praterbesucher

Befürworter:innen hingegen sehen in der Liliputbahn ein Kulturgut, das untrennbar mit der Geschichte des Praters, sowie Wien verbunden ist. Es sei eine Bahn, die immer noch zeitgemäß ist und sowohl Jung als auch Alt begeistert, so eine junge Besucherin, die mit ihrem Kind dort unterwegs ist.

Ich liebe sie! Ich bin als Kind schon mit meiner Oma gefahren und setz mich immer noch gerne hinein!
– junge Mutter

Schienen der Liliputbahn umgeben von heruntergefallen Blättern
Der Liliputbahn auf der Spur © Magdalena Eder

Die Weichen werden umgestellt 

Die Liliputbahn will nicht nur ein Relikt der Vergangenheit sein. In den letzten Jahren hat sie sich darum bemüht, sich als Kulturgut zu etablieren. Mit ihrer Spurweite von nur 381 Millimetern ist sie eine echte Miniatur-Eisenbahn, die mit viel Liebe zum Detail gestaltet wurde. Die historische Dampflokomotive ist bis heute im Einsatz. Sie wird jedoch von vier moderneren Diesellokomotiven entlastet, die den Betrieb auf der Strecke aufrechterhalten. Neben den regulären Fahrten ist die Bahn auch bei speziellen Veranstaltungen wie Themenfahrten, etwa zu Weihnachten oder Halloween aktiv. So wird versucht, neue Zielgruppen anzusprechen.

Auch hinter den Kulissen wird viel dafür getan, die Bahn am Leben zu erhalten. Die Praterfamilie Kleindienst-Passweg kümmert sich seit drei Generationen um die Geschäfte der über 90-jährigen Bahn. Heute ist es Anna Kleindienst-Jilly, die das Erbe ihres Großvaters, Jakob Passweg, mit viel Engagement weiterführt. Dabei wird die Bahn ständig weiterentwickelt: Die Dampfloks werden beispielsweise nicht mehr mit reiner Kohle befeuert, sondern mit einem nachhaltigen Brennstoff aus Olivenkernen. Zudem wird eine Wasserstoff-Lok entwickelt, die laut einem Interview mit Anna Kleindienst-Jilly beim 100-jährigen Jubiläum 2028 zum Einsatz kommen sollen. Die Tradition der Bahn geht Hand in Hand mit Innovation.

Wer mehr über die Liliputbahn erfahren möchte, kann den YouTube-Kanal zur Instandhaltung besuchen:

Nostalgie auf Schienen

Reichen all diese Bemühungen aus, um die Liliputbahn wieder auf die Spur zu bringen? Michael Schwarz, Kurator im Wien Museum und Pratermuseum, betont, dass die Liliputbahn nicht zuletzt wegen ihres nostalgischen Charakters beliebt sei. Sie vermittelt ein Gefühl von Beständigkeit in einer sich schnell verändernden Welt. Viele Wienerinnen und Wiener verbinden die Bahn mit ihrem ersten Ausflug in den Prater, vielleicht sogar ihrer ersten Zugfahrt überhaupt. Gleichzeitig ist sie für Tourist:innen ein Symbol für den Prater selbst – und damit für Wien. Es ist die Mischung aus Tradition, Kindheitserinnerungen und der Einbettung in die Wiener Freizeitkultur, die die Bahn so besonders macht. Der ruhige Rhythmus der Bahn steht im Kontrast zu den schnellen Fahrgeschäften im Wurstelprater und bietet einen Moment der Entschleunigung. .

© Anja Hofbauer


Nächster Halt – Stadion © Anja Hofbauer


Über den Ort, an dem die kleine Bahn zuhause ist
Der Wiener Prater ist weit mehr als ein Park. Seit der Eröffnung 1766 durch Kaiser Franz Joseph II. gilt er als Erholungsgebiet für alle sozialen Schichten. Er ist ohne Eintritt zugänglich und ist somit bis heute ein Treffpunkt für Menschen aller Alters- und Einkommensgruppen – ein Ort für alle. Dieses Konzept unterscheidet ihn von vielen modernen Freizeitparks.  
Der Vergnügungspark, den die Wienerinnen und Wiener als „Wurstelprater“ kennen, verdankt seinen Namen der Theaterfigur „Hanswurst“. Diese ist im österreichischen Raum mit dem „Kasperl” vergleichbar. Doch nicht nur vom Theater hat der Prater sich inspirieren lassen. Im Laufe der Jahre fand er auch seinen Platz in der Musik und Literatur und wurde so ebenfalls zu einem Kultsymbol.


Über die Autorinnen

Bild der Autorinnen

Anja Hofbauer & Magdalena Eder

© Magdalena Hronek